von Dorothee & Günter Nicke verfasste oder herausgegebene Bücher.

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Eine annähernd vollständige.Herausgabe der Gedichte von Dr. Adelbert Mühlschlegel † ist 2009 von Dorothee  und Günter Nicke realisiert worden.


Das Buch erscheint in Hardcover, Papierfarbe Chamois, geschmückt mit zahlreichen schwarz-weiß-Zeichnungen, umfasst 412 Seiten und kostet 36,90 €.


Katalog-Information:


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it diesem Buch werden die Gedichte von Dr. Adelbert Mühlschlegel erstmalig nahezu vollständig einer breiteren Leserschaft vorgelegt. Dr. med. Adelbert Mühlschlegel, geboren am 18.6.1897 in Berlin - verstorben am 29.7.1980, hat sein Leben lang das Dichten zu einer zweiten Ausdrucksform für sein Erleben der Welt, seine Kommunikation mit Freunden, die Verinnerlichung seines tiefen Glaubens und die Äußerung seines feinsinnigen Humors gemacht. Vor allem seine in wunderschönen Gedichten ausgedrückte Reflexion seiner tiefen Verbundenheit mit seiner Religion - dem Bahá'ítum - berührt den Leser durch seine zu Herzen gehende Einfachheit und Demut. Wer in das Meer seiner Dichtung eintaucht, erlebt eine unvergleichliche Bereicherung seiner Seele, gewinnt eine neue Zuversicht sowohl für sein eigenes Leben, als auch für die Überwindung der Schwierigkeiten, vor denen die Welt heute steht.


Vorwort der Herausgeber:

 

Die Veröffentlichung von Adelbert Mühlschlegels Gedichten 29 Jahre nach seinem Tode war überfällig. Die vorliegende Ausgabe stützt sich auf die von seiner Witwe Ursula Mühlschlegel sorgfältig archivierten, zum Teil noch handschriftlich vorhandenen Fassungen und darf gegenüber der schon 1977 im Bahá’í-Verlag erschienenen kleinen Auswahl als annähernd vollständig gelten, allerdings mit der Einschränkung, dass viele an Personen gerichtete Gedichte vom Verfasser nicht separat aufgezeichnet wurden und so im Nachlass auch nicht vorhanden waren.

Das Dichten war Adelbert Mühlschlegels Lebenselixier. Mit ihm erreichte und erreicht er Herz und Seele seiner Hörer und Leser in einer Intensität, die weit über die Wirkung seiner zahlreichen interessanten Vorträge zu seinem Glauben hinausging. Durch sie offenbarte sich eine Persönlichkeit, deren Hinneigung und Liebe zu seinem Schöpfer und Seinen Offenbarungen und der daraus fließenden Zuneigung zu Seiner Schöpfung und Seinen Geschöpfen selten zu finden ist.

Ob in ernster meditativer Geistigkeit oder in warmherzigem Humor bis hin zu ironischem Witz gestalteter Poesie – er widerstand in seiner Kunst jeder modernistischen Strömung oder, wie er selbst bekannte, fühlte er sich lebenslang hierin dem ´Guten, Wahren, Schönen´ verpflichtet. Insofern schließt sein poetisches Schaffen an die deutschsprachige Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts an, weist aber gleichzeitig über die depressiv verkünstelten Versuche des 20. Jahrhunderts, den gesellschaftlich-kulturellen Niedergang abzubilden, hinaus in eine Zukunft, die von seiner Vision einer global-gesellschaftlichen Neugeburt geprägt ist.

Dr. med. Adelbert Mühlschlegel wurde am 16. Juni 1897 in Berlin geboren. Die Vorfahren beider Eltern kommen aus dem urschwäbischen Städtchen Biberach an der Riss, etwa 50 km nördlich vom Ostufer des Bodensees. Die Mühlschlegels übten dort seit mehreren Generationen das Müllerhandwerk aus. Das Leben in der jungen Familie war zum einen von Seiten der Mutter Doris, die aus einem evangelischen Pfarrhaus stammte, sehr religiös geprägt. Der Vater, ein in militärischen Diensten des württembergischen Königreiches stehender Regiments-Medicus, der Oberstabsarzt Dr. Albert Mühlschlegel, brachte zum anderen die Tugenden des Gehorsams, der Ordnung und der Pflichterfüllung ein. Wie in den Kreisen der Eltern damals üblich, erhielt Adelbert mit sechs Jahren einen Privatlehrer. Erst 1906 kam er in eine öffentliche Schule.

Schon bei dem kleinen Knaben war das bestaunende und bewundernde Schauen der Natur verbunden mit dem Suchen nach der Quelle des Geschauten. Seine Ahnung davon, dass diese herrliche Schöpfung nicht ohne einen Schöpfer sein kann, war für seine Eltern schon in seinen ersten Lebensjahren spürbar.

Die Schuljugendzeit in Ludwigsburg endete mit dem 1914 als Jahrgangsbester abgelegten Abitur am Eberhard-Ludwig- Gymnasium in Stuttgart.

Sein Interesse an und seine Neigung zur Geographie, verbunden mit dem sich immer stärker ausbildenden Hang zur Geschichte, wurden zu seiner Passion. Auch das Sich-in-Versen-Unterhalten mit Mutter und Schwester zeigte seine Begabung und Freude am Dichten, die ebenfalls sein ganzes Leben bestimmte.

Um 1912 zog die Großmutter Emilie Mayer, geb. von Segnitz, mütterlicherseits, von Ludwigsburg in die Goethestadt Weimar, und natürlich lud sie ihren Enkel gleich in ihr neues Domizil ein. Hier kam er in Berührung mit der großen klassischen Vergangenheit dieser Stadt, deren Ausstrahlung er einerseits in Bewunderung erlag, die aber andererseits seinen jugendlichen Humor ausweislich des folgenden an die Familie gerichteten Gedichts beflügelte:

»Liebe Eltern, Schwester, Vetter
 hier in Weimar ist das Wetter
manchmal schlechter, manchmal netter.
Gestern ging nach Belvedere
ich und das gefiel mir sehre,
denn das Schloß ist schmuck und hehre,
heute Mittag mach’ ich diesen
Ausflug: diesmal mit Luisen
über Felder, Wälder, Wiesen,
um mir Tiefurt anzusehen.
Dann gelangen wir durch Gehen
nach des Etterberges Höhen.
Heimweh macht mir noch nicht Tränen
auch tu ich mich gar nicht sehnen
nach der Berta schönen Tönen.
Hier ist es mir ganz pudelwohle
wie dem Hasen in dem Kohle
und dem Priester in der Stole.
Wenn Ihr diese Karte krieget
wähn’ ich, daß im Bett Ihr lieget
und mir auch ‘ne Karte schicket.«

Er war da erst 15 Jahre alt. Nach dem Abitur ging Adelbert Mühlschlegel mit Zustimmung der Eltern, die jedoch von vornherein ein Studium der Medizin für ihn vorgesehen hatten, zunächst nach Genf, um dort seine Sprachkenntnisse, besonders französisch, zu verbessern. Der Vater hatte nämlich inzwischen Informationen über die Studienmöglichkeiten eingeholt und war dabei so beraten worden, dass sein Sohn für den Studienbeginn in der Medizin zu dieser Zeit mit 17 Lebensjahren noch zu jung war.

Aber dann begann im August 1914 nach den Schüssen von Sarajewo der Erste Weltkrieg. Entsprechend der damaligen Stimmung in den beteiligten Völkern meldete sich Adelbert Mühlschlegel freiwillig zum Sanitätsdienst in den von seinem Vater betreuten Frontabschnitten und Lazaretten im Osten. Diese Meldung als Freiwilliger geschah gegen den Willen und zum Kummer der Mutter, aber verständlicherweise mit voller Zustimmung des Vaters.

Im Dezember 1918 finden wir ihn, den glücklich Heimgekehrten, als jungen Medizinstudenten erst in Freiburg/Brsg., dann in Gießen und schließlich in Greifswald. Für heutige Begriffe unvorstellbar kurz war die Studienzeit von knapp 4 Jahren, einschließlich der Dissertation.

Hier lernen wir ihn als einen Suchenden kennen, der sich mit zahlreichen damaligen geistigen Strömungen befasst, die eine innere Wandlung der abendlichen Welt anstreben. Das betrifft vor allem Steiners Anthroposophie (er hat Steiner selber aufgesucht), Oswald Spengler und seinen »Untergang des Abendlandes«, den Kreis um Graf Keyserling , dem er auch selbst zeitweise angehörte und bei dem es auf eine Integration europäischen Kulturgutes mit indischer und chinesischer Kulturtradition ankam und der daraus die Suche nach dem Sinn der Existenz ableitete. Auch Graf Keyserling und den indischen Philosophen Tagore hat er persönlich getroffen. »Alles ist Einheit ... Jedes Geschehen ist Formwerdung des Sinns«, sagte er einmal seiner Schwester.

1920 kam Adelbert Mühlschlegel dann mit dem Bahá’ítum, einer 1844 in Persien entstandenen neuen Religion in Berührung, in deren Offenbarung er alle seine Gedanken und Visionen nach fast nur einwöchiger Intensivbeschäftigung mit ihr bestätigt fand. Das von ihr ausgehende Feuer der Begeisterung bestimmte zukünftig sein ganzes Leben.

1922 tritt er nach kurzer Famulatur im Krankenhaus Reutlingen in das medizinische Radiuminstitut der Eltern ein, an bester Adresse in der Stuttgarter Königstraße gelegen. In diese Zeit fällt der Tod seiner Mutter am 23. Mai 1923. Nach langer Krankheit, aber voll dieses auch von ihr zusammen mit ihrem Sohn neu gefundenen neuen Glaubens, starb sie an der Zuckerkrankheit genau in dem Jahr, als das Insulin gefunden wurde.

Dann gewann seine eigene ärztlich-praktische Tätigkeit zunehmend größere Bedeutung vor dem Radiuminstitut. Für die Wirtschaftlichkeit einer allgemein-ärztlichen Praxis war die noble Anschrift in der Stuttgarter Königstraße nicht sehr vorteilhaft, so dass besonders auch wegen der gerade ihrem Höhepunkt zustrebenden Inflation in Deutschland als Folge des Ersten Weltkrieges ökonomische Schwierigkeiten begannen.

Anfang 1926 lernte er seinen »Fraz« (das ist abgeleitet aus dem Wort ‚Frauenherz‘) kennen und heiratete Herma (Hermine Weidle), die Tochter einer Stuttgarter Polizeibeamtenfamilie am 4. Mai 1926. An seine Seite trat eine 24-jährige blonde Frohnatur, die alle Menschen durch ihr strahlendes Wesens und ihre offene Herzlichkeit sofort in ihren Bann zog. Durch ihre Gastfreundschaft sorgte sie für einen stetigen Besucherstrom, der nun nicht mehr ausschließlich hochgeistig versorgt wurde, sondern eine von ihr geschaffene warme familiäre Atmosphäre erleben konnte. Immer neigte sie sich Menschen in Not oder mit Problemen Beladenen zu, wodurch sie auch besonders für den Dienst in der Arztpraxis prädestiniert war. Eine der ersten praktischen Maßnahmen seines »Kameraden« (diese liebevolle, bereits damals auf die Gleichwertigkeit der Ehepartner gerichtete Bezeichnung finden wir in vielen seiner späteren Gedichte) beeinflusste die Wirtschaftlichkeit der jungen Arztpraxis.

Herma erkannte, dass das Wirkungsfeld ihres Mannes nicht im Wohngebiet der Stuttgarter ›high society‹ lag, denn sie spürte, dass sein Hang zur liebevollen, ausführlichen und mit einfachen, verständlichen Worten gegebenen Erklärung der Krankendiagnose mehr die arbeitende Bevölkerung ansprach. Auch sie selbst konnte mit diesen Menschen besonders gut umgehen. Es kam zum Umzug, erst in die Sick-Straße, später in die Kerner-Straße am Neckartor. Diese Entscheidungen stellten sich als ›goldrichtig‹ heraus, denn das große Wartezimmer dieser weitläufigen Praxisräume konnte der schnell wachsenden Patientenschar bald kaum noch ausreichend Platz bieten.

Am 27. Juni 1931 werden Sohn Peter, am 7. November 1932 und am 4. August 1934 die Töchter Ursula und Gisela und am 14.07.1936 der Sohn Dieter geboren. Es zeigt sich, dass Herma nicht nur ein wunderbarer Ehe-Kamerad war, sondern auch eine liebevolle, weitherzige Mutter, die zu haben die meisten Menschen auf dieser Welt sehr dankbar machen würde. Sie lehrte die Kinder die grundlegenden Tugenden des Bahá’í-Glaubens. Verzicht und Opferbereitschaft lernten die Kinder durch ihr stetes Vorbild. Adelbert Mühlschlegel nahm seine Kinder von Anfang an in ihren kindlichen Fragen bei der Gewinnung ihrer Lebensgrundlagen ernst und wurde ihnen trotz zunehmender Reise-Abwesenheit für seinen Glauben ein Sinn-prägender, liebevoller Vater.

Mehr und mehr nimmt dann die Entwicklung des Bahá’í-Glaubens – erst in Deutschland, später weltweit - ganz unmittelbar auf den Fortgang seines Lebens Einfluss, dessen Melodie jetzt immer deutlicher weg weist von dem jugendlich-humanistischen Drang zur Umgestaltung der Weltverhältnisse hin zu einem demütig dienend Sich-Ein- und Unterordnen in die globale Vision der höchsten Körperschaft des Glaubens – des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, an dessen Gründung 1963 er seinen unvergesslichen Anteil hatte.

Ein schlimmer Schicksalsschlag traf die junge Familie aus heiterem Himmel. Im Mai 1939 musste der kleine Dieter, der an einem Leistenbruch litt, plötzlich wegen eines nicht behebbaren Darmvorfalls zur Operation ins Krankenhaus. Er wachte aus der Narkose nicht mehr auf. Der Vater, der gerade auf Reisen war, wurde per Radio-Reiseruf nach Hause geholt. Es dauerte lange, bis die Familie wieder zu einem Gefühl der Ganzheit fand. Umso dankbarer wurde das Ereignis der Geburt des Sohnes Volker am 8. Juli 1942 erlebt, obwohl es schon mitten im Kriege war.

Die folgenden Geschehnisse im familiären Lebensbereich von Adelbert Mühlschlegel bilden einen Einschnitt, in dem man sowohl eine markante Wende in seinem Leben sehen kann, als auch dessen beständigen, unwandelbaren Weiterfluss durch die Zeiten. Ihr dramatischer Höhepunkt war das nach langer krebskranker Zeit 1964 zu Ende gegangene Erdenleben von Herma, seinem geliebten »Fraz«, und die 1965 neu geschlossene Ehe mit Ursula Kohler.

Mit ihr begann er, sich nun dem Wachstum seines Glaubens weltweit zu widmen. Die Ausübung seines Arztberufes zum Broterwerb hatte er schon früher aufgegeben, und sich im Dienste seiner Religion die Heilung der schlimmen gesellschaftlich-sozialen Zustände auf der ganzen Welt zur Aufgabe gemacht.

Mit mehrmals wechselnden Wohnsitzen in europäischen Ländern als Ausgangspunkt kam nun die Zeit seiner großen Interkontinentalreisen, die er im Auftrag des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, der höchsten Instanz des Bahá’ítums unternahm. Gegen die damit verbundenen Strapazen erhob sein Körper allerdings mehr und mehr Einsprüche, die er aber weitgehend ignorierte. Dieses voller Demut und Dienstbereitschaft für seinen Glauben schlagende Herz musste schließlich noch mit mechanischer Unterstützung (Herzschrittmacher) seinem Körper die Möglichkeit zur Mitwirkung an dem großen Werk des Aufbaus einer neuen Weltordnung geben, wie er sie sich als junger Student – noch ohne Wissen um die neue Offenbarung – erträumt hatte. Vier große Kontinentalreisen führten ihn in 28 außereu-ropäische Länder der Erde.

Der letzte Abschnitt von Adelbert Mühlschlegels Leben zeigt ihn dann in seinem geliebten Athen als Wohnsitz. Die vielen Besucher aus aller Welt und seine zahlreichen ortsansässigen Freunde konnten dieses geistige Reifen, diese volle Ernte, aber auch diese bis in die Sterbestunde sich verströmende liebende Demut miterleben. Er starb in seiner Wohnung, liebevoll umsorgt von Ehefrau und einer aus Deutschland angereisten Tochter am 29. Juli 1980.

Dr. Adelbert Mühlschlegel wird den vielen Menschen, die ihm zuerst als Patienten, später als Interessierte und Anhänger des Bahá’ítums begegneten, immer unvergesslich bleiben. Sein staunend bewunderndes Erleben alles Geschauten und Gehörten wirkte sich im persönlichen Umgang in einer Weise aus, die ihn durch die Oberfläche hindurch immer zum Wesentlichen, zum Seelischen vordringen ließ. Hinzu kamen seine Herzensgüte und die Rücksicht auf die Gefühle der Anderen, die ihm die Liebe und Zuneigung nicht nur seiner Familie, sondern später auch fast aller Menschen, die ihm gegenübertraten, einbrachte. Sein sorgfältig beobachtendes Interesse an Umwelt und Mitmensch drang immer durch die Schale zum Kern. Allerdings, wer sich intellektuell mit ihm einließ, durfte nicht immer auf Nachsicht mit im Gespräch auftretenden Wissenslücken rechnen. Nichtwissen und Falschwissen wurde sachkundig aufgefüllt und korrigiert – fast immer zum Nutzen seines Gegenüber. Ob in seiner ihn lebenslang in Atem gehaltenen »Weltgeschichte«, die er als Manuskript hinterlassen hat und die zur Zeit ihres ersten Entwurfs die sonst eurozentrisch angelegten anderen Werke in ihrer Sicht der Welt als Ganzes übertraf oder in seinen mystisch vertieften oder freudig strahlenden Gedichten, die mit diesem Buch erstmals umfassend vorgelegt werden – sein Leben und Wirken bereichert jeden, der offen ist für diesen besonderen Menschen.



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